Obwohl sich die Baumpflege in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt hat, werden Bäume noch immer regelmäßig gekappt. Dieses Problem betrifft nicht nur den privaten Bereich. Auch bei Stadtbäumen, in Wohnanlagen oder an Straßenbäumen sind solche Eingriffe leider weiterhin zu beobachten.
Aus fachlicher Sicht gehört die Kappung zu den problematischsten Eingriffen, die man an einem Baum durchführen kann. Moderne Baumpflege verfolgt andere Ansätze – dennoch wird diese Methode vielerorts weiterhin angewendet.
Unterbrechung wichtiger Leitungsbahnen
In jedem Ast verlaufen wichtige Leitungsbahnen, die den Baum versorgen. Über das Xylem wird Wasser und Mineralstoff von den Wurzeln in die Krone transportiert, während das Phloem die in den Blättern gebildeten Zuckerstoffe in den restlichen Baum verteilt.
Bei einer Kappung werden Äste häufig an unnatürlichen Stellen abgeschnitten, ohne Rücksicht auf die natürliche Aststruktur. Dabei werden diese Leitungsbahnen abrupt unterbrochen. Der Baum verliert plötzlich große Teile seiner Versorgungsstruktur und Blattmasse, was erheblichen Stress verursacht.
Große Wunden und Eintrittspforten für Fäulnis
Kappungen erzeugen meist sehr große Schnittflächen, die der Baum nur schwer abschotten kann. Während dieser Zeit können Pilze und holzzersetzende Organismen in das Holz eindringen.
Oft entwickeln sich daraus Fäulnisprozesse im Inneren des Stammes oder der Äste, die langfristig die Stabilität des Baumes schwächen.
Panikwachstum als Stressreaktion
Als Reaktion auf den massiven Eingriff bildet der Baum häufig sogenanntes Panikwachstum. Rund um die Kappungsstellen entstehen viele neue Triebe, die sehr schnell wachsen.
Diese Triebe sind jedoch meist nur oberflächlich mit dem alten Holz verbunden und besitzen keine stabile Aststruktur. Mit zunehmender Größe können daraus instabile Kronenbereiche mit erhöhter Bruchgefahr entstehen.
Ironischerweise führt eine Kappung, die oft aus vermeintlichen Sicherheitsgründen durchgeführt wird, langfristig häufig zu mehr Risiken statt zu mehr Sicherheit.
Ein Eingriff mit langfristigen Folgen
Ein gekappter Baum benötigt meist über viele Jahre hinweg regelmäßige Nachbehandlungen, um die entstandenen Strukturen zu stabilisieren. Ohne fachgerechte Pflege entstehen häufig dichte, unstrukturierte Kronen mit ungünstigen Hebelwirkungen.
Diese Problematik betrifft nicht nur Einzelbäume im Garten, sondern auch Bäume im öffentlichen Raum, beispielsweise in Straßen, Parks oder Wohnanlagen.
Moderne Baumpflege setzt auf Erhalt
In der heutigen Baumpflege gilt daher ein klarer Grundsatz: Kappungen sollten möglichst vermieden werden. Statt radikaler Eingriffe setzt moderne Baumpflege auf strukturierende und baumgerechte Schnittmaßnahmen, die sich an der natürlichen Entwicklung des Baumes orientieren.
Leider zeigt die Praxis jedoch, dass Kappungen auch heute noch häufig vorkommen – sowohl im privaten Bereich als auch bei Stadtbäumen. Für den Baum bedeutet dies fast immer erheblichen Stress und langfristige strukturelle Probleme.
Eine verantwortungsvolle Baumpflege verfolgt daher ein anderes Ziel:
So viel Baum wie möglich erhalten – und nur so viel eingreifen wie wirklich notwendig.
